Tuesday

Die unerträgliche Leichtigkeit des Schreiens!




Was tut die Regie, wenn sie nicht weiter weiß? Schreien lassen!

Kafka, das ist das Unheimliche, das Dunkle, die Ungewissheit, die Zerrissenheit, die Bedrohung… Nein in diesem Fall nichts von Alledem! Vielmehr ist Kafka in Leipzig Krach, Klamauk, Geschrei, Gezeter, Willkür und Wolllust - geführt unter der Regie des Intendanten Hartmann. Das Centraltheater bleibt dem Käufer des Programmplakats schuldig, von wem das Stück eigentlich verfasst wurde. Es revanchiert sich beim Zuschauer dafür mit einem Gehörschaden.


Am Rockzipfel der Peripetie hängen

Die Rampe auf der Bühne reicht von der Hinterbühne bis zum Fuße des Zuschauerraums. Das steilere Stück kurz vor dem Abgrund ist gekennzeichnet: "Peripetie" steht dort. Die Symbolik ist zu kasuistisch, um nicht den ganzen Lauf des Spiels erahnen zu lassen. Gleichwohl erdrückt einen die Metaphorik des roten Dachs über dem Podium. Dieses Dach muss, um der Funktion der Bühnentechnik gerecht zu werden, gegen Ende des Stücks abgesenkt werden, um die Protagonisten des absurden Spiels symbolisch zu Boden zu bringen, sie zu beugen und zu begraben. Man ahnt es bereits, es wird angestrengt-anstrengend. Schon der erste Ton der Revuemusik schreit es hinaus: hier wird alles Subtile vertrieben, die Sinnlosigkeit exorbitant gesteigert, auf dass alle Wahrnehmung an ihre apodiktische Grenze geschleift werde.
Doch die Perversität ist nicht schockierend, genauso wenig wie Gebrüll hellhörig macht. Die Nacktheit zeugt nicht von Schutzlosigkeit, genauso wie viele Worte nicht den Tiefsinn heraufbeschwören. Und so kulminieren alle Dialoge in einem Geheul. Es wird nicht beim Bespucken belassen. Wenn Worte versagen und die Wirkung sich einfach nicht einstellen will, dann stehen sich die Wächter des Josef K. in ihrem wortlosen Gebrüll gegenüber, bis die Stimme wegbleibt. Die Stimmung tut es ihr gleich.


Mit dem Bürostuhl der Platitüde huldigen

Die gewollt kryptische Regie versagt in dem Versuch, dem Flair Kafkas, der Sensibilität und Versiertheit seiner Sprache nahe zu kommen. Viel mehr noch wird die Zerstörung gerade dieser herausstechenden Qualität des 250 Seiten fassenden Romanfragments in einem lautstarken Gemetzel zelebriert. Die Spieler dienen als Stafette eines kannibalistischen Urtanzes. Bewaffnet mit Frack, Hut und Bürostuhl führen sie ihren promiskuitiven Reigen auf. Übertönt wird dieser mit allen Arten von Musik, die dem Zuschauer aus übersteuerten Boxen entgegengeschmettert werden. Die Therapierunde aus der Einstiegsszene löst sich zusehends in Gehetze und leere Floskeln auf. Josef K. bekommt trotz Verhaftungsbefehls die Möglichkeit, seiner Arbeit in der Bank nachzugehen. Also rast Darsteller Lambrecht auf seinem Bürostuhl von der Kippe der Bühnenwelt bis zur Kante der Peripetie. Tja und dann?

Die Rampe gehört den Schauspielern, die ihre Akrobatik, ihre Körper und ihre Belastbarkeit zum Mittelpunkt dieser Inszenierung machen müssen. Die Nacktheit als letztes Register der Regie kann durch die vorangegangene Nervenbelastung beim Zuschauer nicht einmal mehr Schamgefühl aufkommen lassen. Nachdem der Maler sein Werk vollbracht hat, alles schwarz bemalt ist, sich alle wieder angezogen haben und irgendwie jeder einmal gegen die Wände geschmettert ist, erhofft man nur einen Augenblick der Rast. Doch es gibt kein Innehalten. Das abschließende Gespräch des besorgten Onkels mit Josef K. kann keine Wirkung mehr erzielen, weil die Ruhe den Saal schon längst verlassen hat. Sie hat den Tiefgang bei der Hand hinausgeführt.


„Fragen Sie nicht nach Sinn“

Zum Ende stimmten die Zuschauer in das Bellen der Hunde/Darsteller ein. Im Glauben sich dem viel verherrlichten Intellektualismus eines Kafkawerkes hingegeben zu haben, ergötzte sich das junge Publikum in selbstgefälligen Bravorufen. Ja wir haben es geschafft!

Die einzige Parodie dieses Stückes, die zum Nachdenken anregt, ist die stupide Bereitschaft des Publikums sich diesem System völliger Unsinnigkeit, das bei einem Striptease im Gewand der Brutalität daherkommt, hinzugeben – ja ihm willentlich voraus zu laufen, sich wohlwollend abführen zu lassen „wie ein Hund“ und sich eigenhändig das schmierige Kuchenmesser vom Schokogeburtstagskuchen des Josef K. in den Kopf zu rammen.

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Ich habe nicht geklatscht und mir war am nächsten Morgen immer noch elend. Bei mir gesellt sich nun das Bedürfnis hinzu, Kafka gerecht zu werden und sein unvollendetes und posthum erschienenes Werk „Der Prozess“ zu lesen – ganz in Ruhe.


Der Prozess – nach dem Romanmanuskript (!) von Kafka
Regie Sebastian Hartmann
Mit Anna Blomeier, Matthias Hummitzsch, Andreas Keller, Guido Lambrecht, Sarah Sandeh, Holger Stockhaus, Berndt Stübner

Premiere 03.10.2009

Termine 04.10. | 16. 10. | 17.11. | 21.11.




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8 comments:

  1. Ja, ja, ja, ja, ohja doch. Alles gut. :) Ich hab mich gefreut. Hab einen schönen Tag!

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  2. Hmmm ... zur Verteidigung, die Sebastian eigentlich wahrscheinlich nicht führen würde aber ich nehme mich derer mal an:

    Das Stück sollte eigentlich von einem jungen Regisseur inszeniert werden, dessen Name mir grad entfällt. Der ging zwei Wochen vor der Premiere, ohne auch nur Bescheid zu geben. Sebastian übernahm und machte Impro draus, um es irgendwie zu retten. Also: Zwei Wochen, sehr, sehr wenig Vorbereitung.

    Bei 95% Impro und 5% Textsicherheit kann man sich absolut gehen lassen - aber leider auch einen Tick zu viel. Das ist bei der Premiere geschehen und wenn es bei deiner Vorstellung nur in Schreien ausartete, wohl auch dort. Sogar die Musik ist Impro und ... naja ... Guido fährt halt gerne mit Bürostühlen umher und ich finde das macht er auch sehr subtil, sogar nackt, nur ... hm ... nach dem 5ten Mal wird's für den Zuschauer langweilig.

    An der Stelle wo ich dann sagte "Naja aber den Applaus haben sie doch schön getanzt" hast du wahrscheinlich schon mit dem Kopf geschüttelt und geflucht. Ich glaube - wären wir keine Kollegen, ich wär auch ohne Klatschen gegangen und hätte die Feier umrundet.

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  3. Viel Vergnügen bei der Lektüre, wenn es auch teilweise unerträglich ist.

    Kafka enthält für mich immer auch "Klamauk, Willkür und Wollust", immer auch Aggression und Anarchie, diese verlieren jedoch in seinem Werk nie etwas von ihrer sagenhaften, abgründigen Tiefe.

    Schau dir mal während der Lektüre Polanskis "Der Mieter" an, der reicht stimmungsmäßig sehr an Kafkas Prozess heran, auch wenn er mit der Handlung nichts zutun hat. Kafkaesk oder so.

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  4. Bin gerade von mir zu Dir geraten. Sehr schöne Seite, hier bin ich jetzt öfter.

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  5. proceß lesen ist furchtbar,

    aber er kommt in gedanken immer und immer wieder zurück;
    zu mir schon seit mehreren jahren,
    das muss ein buch erstmal schaffen,
    natürlich gibt es einige,
    aber nicht allzuviele.
    wie wunderbar.

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  6. Ich finde das Buch auch sehr schwierig. Ich habe eine Kafka-Box als Hörbuch. Deine Rezension über das Stück ist sehr interessant.

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  7. Anonymous10/09/2009

    hast du empfindliche ohren! hörschaden? haha

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  8. Ja, der Proceß ist eine Erleuchtung, man meint zu begreifen und erkennt Kafkas ungreifbares Genie, wenn auch nur ansatzweise.
    Furchtbar, dass es gegen seinen Willen veröffentlicht wurde. Das gibt dem letzten Satz eine ganz neue Beziehung zu uns, der Gesellschaft und das berührt peinlich.
    Für uns ist es eine Bereicherung, wir Egoisten. Nach seinem Tod hat sich keiner nach seinem Wunsch gerichtet und das ist wahrscheinlich das Schmerzlichste.

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