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FILM // Warum Feuchtgebiete besser ist als Feuchtgebiete



Feuchtgebiete war das neue Skandalbuch unserer Generation. Es war der erste Roman von Charlotte Roche und ich habe ihn damals gelesen. Leider hat er mich sehr gelangweilt. Sprachlich spürte man auf jeder Seite, dass es ihr erster Roman gewesen sein musste und, dass Madame Roche irgendwie null Gespür für Sprache hatte. Der Roman machte daher weniger ob seiner literarischen Feinheiten oder seine sinnige Geschichte auf sich aufmerksam, als mehr durch seine vermeintlich schockierende Direktheit. Vermeintlich? Ja vermeintlich. Denn seit der der ersten Folge Sex and the City ist es inzwischen akzeptiert, dass man immerwieder einen medialen Wirbel über offene Worte aus dem Munde einer Frau machte. So ohh schockierend, dass auch Frauen furzen, rülpsen, tropfen, kleben, stinken, schwitzen, kacken und die gleichen Körperöffnungen haben, wie alle Lebewesen. Damit drückte sich doch immerwieder das stagnierende Bild der Emanzipation unseres Jahrhunderts aus. Seit den 60ern hat sich irgendwie nicht viel getan. Alles wird liberaler und daher noch mehr kaschiert. Frauen werden mehr und mehr zu unrealistischen Schablonen der Schönheit, des Konsums und der Oberflächlichkeit reduziert. Und immermehr Mädchen fühlen sich dank Beautywahn und Mageridealen dazu gezwungen sich selber zu optimieren und unnatürlicher denn je zu werden.
Der Inhalt des Buches Feutchtgebiete lässt sich daher als überhaupt-nicht-revolutionär zusammenfassen. Vielmehr schockierte mich die miese Qualität der Schreibe und die bereits erwähnte traurige Medienwelle, die das Buch auslöste.
Nun kam der Film auf die Leinwände und die Neugier ließ mich eines schönen Abends den Stream laden und ansehen. Im Kino werden je selten echte eklige Sachen, wie Intimbereiche, deformierte After oder tatsächlich pornografische Sacehen explizit gezeigt. Daher lebte der Film vielmehr vom emotionalen Nachempfinden der jeweiligen Situationen. Das nahm dem ganzen Prozedere schonmal seine achso ups-ich-hab-was-schmutziges-gesagt-Attitude und ließ die Geschehnisse auf den wesentlichen und durchaus interessanteren Kern kommen.
Denn im Grunde versteckt sich hinter dem plumpen Versuch der Provokation eine recht tiefgründige Geschichte über das Heranwachsen und die Emanzipation von der eigenen Familie. Die neurotischen und extremen Leidenschaften der Protagonistin Helen sind am Ende nur ausdruck einer Gier nach dem Leben. Ihre orale Fixierung, ihr Bedürfnis ihre Umwelt mit allen Körperöffnungen zu erleben und diese in sich aufzunehmen, zeugen von einer Suche - vielleicht auch einer Leere. Im Laufe der Handlung entwirrt sich immer mehr, was in dem Knäuel ihrer verkorksten Familie sie zu dem gemacht hat, was sie ist. Und am Ende wird doch alles irgendwie gut.

Da die krude Fäkalsprache aus dem Buch im Kinofilm einer Ich-Erzählerin weicht und die Bilder weniger zeigen, als das Buch so pingelich und gewollt zu beschreiben versucht, rückt die wahre Qualität der Story in den Vordergrund. Und genau deswegen ist Feuchtgebiete als Film wirklich besser, als Feuchtgebiete als Buch.


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