Wednesday

TEXT // Die Freiheit trügt - Die Agonie des Eros

agonie

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it dem Hereinwachsen in das Arbeitsleben verbreitete sich in mir eine Unsicherheit und immenser Druck. Diese jugendlichen Vorstellungen von Freiheit und die unendlichen Ideen der Selbstverwirklichung waren überhaupt nicht Lebensrealität geworden. Was sollte das? Immer wenn ich mich an einem zufriedenstellendem Zwischenstopp in vermeintlicher Ruhe niederlassen wollte, störten die weltlichen Verpflichtungen mein Dasein und warfen mich wieder aus mir selber. Was ist denn mit unseren Idealen vom kreativen und freidenkenden Menschen? Warum nervt dich immerzu dein Job, die Krankenkasse, dein Vermieter, deine Bank, die GEZ und diese ganzen Schweine? Selbst wenn man sich immens einschränkt, fühlt sich vieles so oft an als wäre man nur auf der Welt um in diesem Land soviel zu arbeiten wie möglich um soviel wie möglich von seinen erschwitzten Penunsen wieder in die Rachen dieser Anderen zu werfen. Dabei bin ich noch lange nicht an einem Punkt, der sich anfühlt als sei ich irgendwo angekommen, geschweige denn auf dem richtigen Weg dahin.

Und dann fiel mir das Buch "Agonie des Eros" in die Hände - und zwei Welten in meinem Kopf hatten aufeinmal ein Schlupfloch in dem sie verschmolzen und alles Sinn machte. In meinem tumblr und auch in meinen "alten" Autoportaitarbeiten erkenne ich selber, dass mich die Sinnlichkeit, das Getriebensein und die Erotik in Bild und Text schon immer faszinierten und begleiteten. Was ist los mit der Welt wenn ich mich selber tagtäglich am Arbeiten erlebe und mich auf der anderen Seite die Themen wie Nacktheit, der Körper, die Sinnen und die Lust so beschäftigten?
Byung-Chul Hans philosophisches Buch "Agonie des Eros" hat für mich die Bedingtheit dieser beiden Beobachtungen in seinem Buch sehr schön darglegt. Wir beuten uns selber unter dem Gefühl einer falschen Freiheit aus. Alles Negative verschwindet und die Leidenschaft -der Eros- verblasst. In unserem Narzissmus verblenden und geißeln wir uns mit einem perfekten Selbstbild und optimieren uns für den Kapitalismus. Eigentlich verbindet man den Eros mit der Verausgabung, gar der Selbstüberschreitung oder auch dem Wahnsinn. Doch in unserer digitalisierten Hochglanzgesellschaft mit Glücksbärchimenschen auf jeder Plattform ist dafür kein Platz mehr. Alles ist gut! Alle können sich imateriell detailliert und flächendeckend im Internet und bestem Lichte darstellen und ihre aufpolierte Persönlichkeit, ihr gephotoshopptes Äußeres und ihre liebevolle perfekte Liebesbeziehung zur Schau und Bewunderung aller ausstellen. Als Betrachter all dieser überglücklichen Perfektion kann man nur depressiv werden in Anbetracht der grausamen Realität seines eigenen Lebens. Und schon ist man dabei sich selber noch mehr unter Druck zu setzen. Noch mehr arbeiten, damit man sich ebenso die überdimensionierte Altbauwohnung leisten kann um sie minimalistisch mit so wenig Mobiliar wie möglich zur Schau zu stellen. Und außerdem braucht man noch die Designerhandtasche... Die Spirale des Konsums in Zusammenspiel mit dem Internet und die Selbstausbeutung im Glauben vermeintlicher Freiheit als Freelancer und Founder seines eigene Startups haben ihren grausamen Höhepunkt erreicht.
Wir haben aufgehört zu fühlen, denn wir sehen und swipen, skimmen und chatten. Wann berühren wir noch jemanden? Wann lassen wir alles fallen und empfinden, dass was wir eben empfinden? Wann lassen wir den Wahnsinn in uns zu und uns dahinreißen?

Mich hat das Buch wirklich aufgeweckt und auch darin bestätigt, dass man sich bewusst gegen Konsum, Herdentrieb und Gier wehren muss und sich einfach auf die Welten der eigenen Seele und des Körpers einlassen muss. Dort kann man die wirklich tiefgreifenden Dinge erleben. Und das Leben ist wirklich zu kurz um die Verbindung zu sich selbst zu verlieren.

☞ Hier ein kurzer Beitrag zum Buch beim ZDF
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1 comment:

  1. Danke. Danke auch für den Beitrag über Essen. Meine Lieblingsblogs sind inzwischen alle gesponsert, so schade.

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