Wednesday

TXT // Tarnkappe



Ich treffe einen Freund im Dunkeln. Verabredet sind wir am Becken beim Urbankrankenhaus und ich radel schnell rüber. Wir sitzen mit Rotweinflasche und -gläsern auf der Wiese und bereden Beziehungen und andere Katastrophen. Über die Wasserfläche hat man einen Blick auf den zunehmend aufziehenden Nieselregen. Einmal mehr ziehe ich intuitiv meinen schwarzen Schal über meinen Kopf. Mein neues Erscheinungsbild löst bei ihm Lachen aus, gepaart mit der Erkenntnis aus meinem Munde ab jetzt erstmal zölibatär leben zu wollen. "Ja, so siehst du auch gerade aus!"

Der Nieselregen in diesem feuchtfröhligen berliner Sommer bescherte mir Schirmvergesserin bereits auf dem Weg zum Club mit ebendiesem Kopfschutz einmal diese Erkenntniss. Ich gehe die Revaler Straße herunter und treffe auf dem dunklen Weg auf eine Gruppe angetrunkener Typen. An sich keine angenehme Situation in der ich sonst immer Blickkontakt zu vermeiden versuche und ein bisschen energischer durch die Gruppe durchsteuere. Heute dann einmal ein anderer Kommentar: "So ne schöne Frau und dann mit Kopftuch..."

In Moabit komme ich heute abend per Rad wiedereinmal mit meiner Tarnkappe an. Es liegt Feuchtigkeit in der Luft. Keine der üblichen Bemerkungen, Rufe und Geräusche der kieztypischen Klientel vor den Spätis und Schishabars. Stille! Meine Tarnkappe funktioniert hier erschreckend gut. Fast könnte ich mich an dieses Spiel gewöhnen. Ein Spiel mit Identität und Wahrnehmung. Eine Tarnkappe mit der ich vorgebe eine Andere zu sein. Eine Tarnkappe, die ich selber täglich an anderen Frauen sehe. Darf ich mir dieses Spiel erlauben?

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